DIE SILBE SCHMERZ
PREDIGT ZUM KARFREITAG 2018, AM 30. APRIL

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Es hat nur eine Silbe – das Wort dieses Tages,
das den ganzen Kosmos aller Leiden in sich hineinzieht –
um es zu verwandeln, das Leiden der Welt
im Mysterium dieses Zenittages
und seiner einmaligen Menschheitsstunde,
alle Dunkelzeiten erinnernd,
die auf Erden waren,
die auf Erden sind,
die auf Erden sein werden.
Eine einzige Silbe für dies alles: Schmerz

DIE SILBE SCHMERZ,
dichtet Paul Celan:

Es gab sich Dir in die Hand:
ein Du, todlos,
an dem alles Ich zu sich kam. Es fuhren
wortfreie Stimmen rings, Leerformen, alles
ging in sie ein, gemischt
und entmischt
und wieder
gemischt.

Und Zahlen waren
mitverwoben in das
Unzählbare.

rück- und fortverwandelt
in
keimendes Niemals.

Vergessenes griff
nach Zu-Vergessendem, Erdteile, Herzteile
… sanken …
… im Schwarzlicht
ein blindes
Es sei – – –

Ja – liebe Gemeinde zum Karfreitag,
Es gab sich Dir in die Hand, das große ewige Du,
Dir Mensch, gab es sich
mir Mensch, gab es sich,
sage ich voll Ehrfurcht
auf dem Dunkelgrund dieses Schmerzgeheimisses,
das so unendlich schwer wiegt für Gott – auf ewig,
dass Dichter ahnen, wie Gott fühlen mag,
als sein Kind ihm stirbt am Kreuz

und Heinrich Böll sagt:
„Jetzt ist es an der Zeit, Gott zu trösten.“

Nie habe ich daran gedacht, dass wir Gott trösten könnten am Karfreitag …
Also hat Gott die Welt geliebt …

Es ist für die Welt – für das stille, das laute Geschrei aus Schuld und aus Qual –
Es ist für uns geschehen.

Für jedes Leben, das seinen Karfreitag hat, der nie endet,
wie die Tage der Familie in Trèbes in Frankreich. Der Vater, Sohn und Ehemann, der
45-jährige Gendarm Arnaud, wollte sin Leben hingeben hingeben im Blitz einer
Entscheidung und wurde zum Opfer eines kaltblütigen, in seinem Denken verirrten
Mörders.
Die Familie fragt nur das Eine: Warum?

Gestern Nacht noch postet eine Freundin auf Facebook
den schrecklichen Mord an der Holocaust-Überlebenden Mireille Knoll.
Die 85Järhige hatte ihre Bedrohtheit der Polizei immer wieder mitgeteilt
und wurde am Ende geradezu hingerichtet in Paris.
Mein Gott!
Warum?

Oder der Karfreitag von Fahima, die ihren jüngsten Sohn auf der Fluicht an das ihn in
sich hineinreißende Meer verloren hat und die nie seine letzten Worte vergessen
wird: Mama ich kann nicht mehr, bitte töte mich.

Es ist für uns geschehen
Bis an die äußersten Enden der Meere des Leides und der Erde
bis in die geheimen Verstecke der persönlichsten Qual:

Sie sagt im Gespräch:
habe ich meine blauen Flecken gut abgedeckt?
Sie hat sich heimlich früh morgens im Café mit mir verabredet,
damit ihr Mann ihr nicht auf die Schliche kommt.
Er ist bekannt über Stadt und Land hinaus …
Kann ich so zum Elternsprechtag gehen?
Fragt sie mich – und ihre Augen sagen den Schmerz und ihre Angst,
wenn sie den Schlüssel in der Haustür dich drehen hört …
Im Schwarzlicht heller Sonntage das grausamste: Es sei …

„Ich lebte und lebe“, schrieb Nelly Sachs einmal,
„nur in einem einzigen Element: dem des Schmerzes.“

So viel Leben dieser Erde – nur in einem einzigen Element. Dem des Schmerzes:

Carola Moosbach:
„Tief eingebrannt in die Seele
ist mir die Wunde
bricht auf immer wieder
und fließt mir als Blut aus dem Munde
das heilt nicht mehr
und ist kein Vergessen möglich
und ist kein Vergeben nötig
und ist auch kein Sinn dahinter

kein Herrengottallmachtswesen
zog da die Fäden

und doch willst Du mir nicht aus der Seele
Du Aber-Macht
öffnest die Todesräume
Schmerz für Schmerz

Wut auf Wut wird zurückerobert
wiedergewonnen die Würde
und ich weiß wer ich jetzt bin
auf schmerzfestem Grund durch die Tage
und noch
ist auch das letzte Wort nicht gesprochen
das sprichst allein Du Gott
Versprich es mir“

Und es ist in dem ersten gedachten Es sei
und dann im gesprochenen, gewirkten Wort: ES WERDE Gottes versprochen.
Also hat Gott die Welt geliebt!

seht – er stirbt
allein
verlassen haben ihn alle
selbst der
an den seine seele sich hängt
warum
markerschütterndster
entsetzlichster schrei
wie aus millionen kehlen
die je ihn schrein
mein gott
warum
Christa Harnisch

WARUM?
Schrie er laut und verschied,
damit jedes leidende Wesen es ein und für allemal wüsste,
damit ein jedes Warum einen Bruder aus Fleisch und Blut
mit einem schlagenden Herzen zur Seite hat,
einen Menschen, der die Antwort ist, bis in den Tod.

Bis in die größte Not:
O große Not, Gott selbst ist tot!

In seinem Buch „Der gekreuzigte Sinn“ sagt Werner Thiede
„Darum sollte theologisch nicht länger bezweifelt werden:
Der Gott der Christenheit ist ein leidensfähiger Gott …
Zur Vollkommenheit der Liebe,
die Gott ist, gehört,
sich selbst zu transzendieren aufs Nichtgöttliche,
Unvollkommene hin – mit allen schmerzlichen Konsequenzen
des Sich-Einlassens auf dieses Andere.

Gott und Tod sind in der Geschichte der Liebe Gottes aufgehoben.
Der Karfreitag sieht in diese Todestiefe!
Im Kreuz Jesu ist das Undenkbare Wirklichkeit geworden.

Das Kreuz ist der Kairos der Allmacht Gottes,
die unendliche Durchschmerzung der Welt,
wie Nelly Sachs das wusste:
„Ich glaube an die Durchschmerzung der Welt“
Aber nicht halb, oder nur ein wenig. Ganz:

O große Not! Gott selbst ist tot,
Am Kreuz ist er gestorben,
Hat dadurch das Himmelreich
Uns aus Lieb‘ erworben.
Johann Rist 1741

Es gab sich Dir in die Hand:
ein Du, das Gottesschmerz-Du,
an dem alles Ich zu sich kam. Es fuhren
wortfreie Stimmen rings, Leerformen, alles
ging in sie ein, gemischt
und entmischt
und wieder
gemischt.

In dieser Schwarz-Weißzeichnung sehe ich im Innenbild,
was geschieht am und unter dem Kreuz.
Und was die Heilsgeschichte meint, wenn sie sagt,
dass all dies geschehen musste,
damit die Schrift erfüllet werde.

Und es war ja auch nicht möglich, dass der Kelch an ihm vorüberging.
Der Kelch ging nicht vorüber.

Was für ein Preis für die Menschheit und ihre Leiden und ihre Schuld …

Vielleicht
war alles richtig
auch der Zorn
auch der Kampf
auch das Leid
auch das Unterlassen
auch die Flucht
auch die Angst
auch das Verirren
ein Teil
des vollkommen Gefügten

Karin Petersen sieht so die Geschehnisse unter dem Kreuz.
Vielleicht war alles richtig,

Kannst Du Dein Leben in dieser Umschuldung sehen?
In der absoluten Liebe Gottes – in diesem Liebesbeweis?

Mit meinem tiefen Glauben könnte ich Gott trösten,
dass ich dem Also hat Gott die Welt geliebt im Tiefsten vertraue,
damit es vollbracht werden kann,
damit wir Frieden hätten,
damit wir geheilt wären durch seine Wunden

im Mysterium von Nichtsein und Nichtzeit und Schwarzlicht um die neunte Stunde.

Bitte glaube daran … mit allen Karfreitagen, auch mit Deinem …
Mehr wünschte ich nicht, als dies:
Dass Du es glaubst:

Wenn der Vorhang
meines Lebens zerreisst –
was werden ich sehen?
Meine Schuld?
Meine Versäumnisse?
Das wird alles
draußen bleiben. –
Meine Augen
werden übergehen ins Licht,
Du selbst wirst mir
die Tränen abwischen.
Selig sind die,
die geweint haben. –
Du wirst mich rufen,
und ich werde
Deine Stimme erkennen.
Du wirst mich
beim Namen rufen
und ihn zärtlicher sagen
als jemals ein Mensch –
und ich werde wissen:
Ich bin am Ziel. (nach Ilse Pauls)
Es ist vollbracht!

+ Amen.